Eine neue digitale Weltordnung
Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts haben die USA und China ihre Anstrengungen verdoppelt, um das Netz in Besitz zu nehmen. Dennoch liegt die wahre Macht in den Händen der Milliarden Algorithmen, die sich in der Fabrik Big Data abschinden, um unserer digitalen Gesellschaft Gestalt zu verleihen. Kommen wir daher für einen Augenblick auf die Wahl Donald Trumps vom 9. November 2016 zu sprechen. Am Tag vor seinem Sieg hatten sich die Timelines von Millionen Facebook-Usern in Klagemauern verwandelt. Fünf Monate zuvor hatte der «Brexit» dasselbe Lamento im Netz gezeitigt.
Jedes Mal sind die Tränen schnell getrocknet und die Geister sind zur Anklage übergegangen. Auf der Anklagebank fanden sich Medien und Politiker wieder, die das alles nicht hätten kommen sehen. Vor allem zeigte man mit dem Finger auf Facebook und Google, die ihre Nutzer in einer Blase aus algorithmischen Filtern ohne jegliche Pro-Trump- und Pro-Brexit-Inhalte gehalten hätten. War der wahre Schuldige also der Algorithmus? Seit einigen Jahren schon stehen diese kleinen, aber ultraleistungsfähigen Programme im Fokus, die dafür ausgelegt sind, ohne menschliche Intervention Entscheidungen zu treffen.
Heimlich emanzipiert sich der Algorithmus in unserem Alltag. Man ernennt ihn zum Mitglied im Verwaltungsrat wegen seiner strategischen Kompetenzen. Er steuert Finanzströme und regiert damit die globale Finanzwelt. Er ist es auch, der uns die nächsten Bücher auf Amazon vorschlägt. Man findet ihn ebenso als Kuppler auf den Dating-Apps wie Tinder. Oder als Reisebüro auf Airbnb oder TripAdvisor. Als DJ auf Spotify… Algorithmen sind allgegenwärtig und sie sind die neuen Proletarier der vierten industriellen Revolution, die für unseren Komfort als moderne und vernetzte Menschen gefrässig Milliarden Daten pro Sekunde verschlingen.
In dem Masse aber, wie sie so tief in den Bergwerken von Big Data graben, lernen die Algorithmen uns sehr gut kennen. Vielleicht etwas zu sehr. Und ihre Allgegenwart gibt nun Anlass zu Argwohn, ja zu mancher Befürchtung. Man macht sie ohne grosses Nachdenken für alle Übel der digitalen Gesellschaft verantwortlich. Das Licht der Welt erblickte der Algorithmus, im Sinne der Informatik, 1936 im Kopf von Alain Turing. Mit nur 24 Jahren behauptet der britische Mathematiker und Kryptologe die theoretische Existenz einer programmierbaren Maschine, die bei richtiger Programmierung imstande wäre, alle Arten von Berechnungen schnell auszuführen. Im Jahr 2020 haben sich die Algorithmen vermehrt, sind aber keineswegs gealtert. Sie ähneln einem Küchenrezept. Es gibt die Grundzutaten. Die Köchin fügt nach eigenem Ermessen Salz oder Pfeffer hinzu, und je nachdem ändert sich das Gericht.
Algorithmen machen, was wir ihnen einprogrammiert haben; man muss folglich ihren Urhebern auf den Zahn fühlen. Letztlich sind die Alogrithmen weder gut noch schlecht. Und sicher nicht neutral. Facebook und Google geben übrigens Unsummen für die «Verbesserung» ihrer Algorithmen aus, indem sie ihnen ein paar gute Erziehungsprinzipien beibringen. Aber auf Grundlange welcher Kriterien? Google beispielsweise verändert sein Rezept über 600 Mal jährlich unter grösstmöglicher Geheimhaltung. Darin besteht das ganze Genie des kalifornischen Giganten. Denn liegt nicht die höchste Macht darin, die geringfügigsten Tatsachen und Gesten zu überwachen und dabei die eigenen zu verschleiern?
Redaktion – Mehdi Atmani – Flypaper Media _ Illustration – Jérôme Viguet – Cartoonbase SÀRL






